Juryvote contra Televote – Analyse des Split Votes

Nachbetrachtung des getrennten Zuseher- und Juryvotings

Nachdem die EBU nun die getrennten Tele und Juryvotes veröffentlicht hat, ist endlich das Ende aller Spekulationen gekommen.
Nun ist es Zeit sich das Ergebnis anzusehen und zu interpretieren.
An dieser Stelle möchte ich er geneigten Leserschaft heute meine Analyse der separaten Votings vorstellen.

Der erste auffallende Punkt ist natürlich, dass unsere Lena mit ihrem Siegertitel „Satellite“ sowohl beim Publikum (243 Punkte), als auch bei der Jury, wenn auch mit deutlich weniger Punkten (187) auf Platz 1 gelandet ist.

In den meisten weiteren Punkten bestand jedoch oftmals wenig Einigkeit zwischen den Experten in der Jury und den Fans vor den Fernsehgeräten.

Jury-Lieblinge

Zunächst widmen wir uns den Titeln, welche die Jury mehr überzeugen, als das Publikum.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist der israelische Beitrag „Milim“ vom Sänger Harel Skaat.

Der Song kam beim Publikum weniger gut an und landet hier nur auf dem 19. Platz (27 Punkte). Der 14. Platz in der Gesamtwertung erklärt sich dadurch, dass diese Ballade von der Jury auf Rang 5 (134 Punkten) gehandelt wurde.
Eine Differenz  von 14 Plätzen und 107 Punkten.

In dieselbe Beispielskategorie fällt der belgische Beitrag „Me and my Guitar“ von dem Sänger Tom Dice.

Was an anderer Stelle bereits erwähnt wurde, ist durch die Veröffentlichung der getrennten Votings bestätigt worden. Dieser Titel war Favorit der Jury und kam mit 185 Punkten nur 2 Punkte hinter Lenas „Satellite“ auf Platz 2 der Jurywertung.
Im Televoting landete Belgien nur auf dem 14. Platz mit eher mageren 76 Punkten.
Die Votings divergieren hier um 12 Plätze und sogar 109 Punkte.

Ein drittes Beispiel für Jurypräferenz wäre das in der Gesamtwertung auf Platz 23 gelandete Irland mit dem Titel „It‘s for you“ der Sängerin Niamh Kavanagh.

Nach der Publikumswertung hätte gar nur der vorletzte Platz herübergekommen, bei der Jury hingegen ein immerhin akzeptabler 16. Platz.
8 Plätze Unterschied, in diesem Fall jedoch „nur“ 47 Punkte Differenz.

Publikumsfavoriten

Freilich gibt es aber auch die umgekehrten Beispiele. Songs, die beim Publikum deutlich besser ankamen, als bei der Jury.
Signifikanteste Beispiel dürfte Frankreichs Jessy Matador mir „Allez Olla Ole“ sein.

Hätte alleine das Publikum entschieden wäre der gute Laune Song aus unserem Nachbarland in den Top 10 gelandet, genauer gesagt auf einem starken 8. Platz.
Am Ende war es jedoch nur der 12. Platz.
Denn tatsächlich setzte die Jury diesen Sommerhitverdächtigen Beitrag auf einen sehr schwachen 22. Platz im absoluten Hinterfeld.
Zwischen der Meinung der Experten und der Fans liegen hier doch beachtliche 14 Plätze und enorme 117 Punkte.

Selbiges Phänomen zeigte sich bei dem Party-Song „Ovo je Balkan“ aus Serbien, vom Sänger Milan Stankovic.

Bei den Zusehern ebenfalls in den Top 10 (Platz 10) gab es von der Jury nur Platz 21.
Auch hier sind es 11 Plätze und 73 Punkte Unterschied zwischen den beiden entscheidenden Abstimmungsfaktoren.

Um auch für diese Seite ein drittes Beispiel anzuführen, sei „Apricot Stone“ von Eva Rivas aus Armenien genannt.

Der einzige Beitrag, den das Publikum unter den Top-5 sah (Platz 4), der aber durch die Jurywertung noch aus selbigen herausflog und auf Platz 7 zurückfiel.
Denn nur ein 10. Platz kam bei der Jury heraus, mit 50 Punkten Rückstand zum Televote.

Wenn man die Ergebnisse zusammenfasst komme ich zu diesem Ergebnis:

Svante Stockselius zeigte sich froh, dass Jury und Zuschauer sich einig waren, was den Sieger angeht.

Svante Stockselius, Supervisor der European Broadcasting Union (EBU)

Svante Stockselius, Supervisor der European Broadcasting Union (EBU)

Leider sagte er nichts dazu, dass das wohl das einzig zu bleiben schien, in dem sich die beiden einig waren.
In fast allen anderen Punkten gab es signifikante Unterschiede und Differenzen, die nicht zufällig sind, sondern System zu haben scheinen.
So ist es in diesem Jahr sehr deutlich auffällig, dass der Geschmack des Publikums und der Musikexperten doch sehr unterschiedlich ist.
Wir Fans vor dem TV ließen uns eher von den Up-Tempo-Nummern allá „Allez Olla Ole“ oder „Ovo Je Balkan“ begeistern und mitreißen und uns davon überzeugen zum Telefonhörer oder dem Handy zu greifen.
Die Jury hingegen legte deutlich mehr Wert auf powervolle und stimmgewaltige Balladen wie „Milim“ oder Titel aus dem genre Singer-Songwriter wie „Me and my Guitar“.

Es duellieren beinahe schon 2 Anschauungen von dem, was der Eurovision Song Contest sein soll. Soll er ein Unterhaltungsprogramm sein, welches dem Zuseher ein breites Spektrum an aufregendem und spaßigem Entertainment bietet?
Oder doch ein Gesangs- und Komponistenwettbewerb, der mehr Wert auf Stimme und Komposition legt?

Auch dieses innere Duell des Song Contest macht den ESC zu dem was er ist. Spannend und jedes Jahr anders. Was wird wohl nächstes Jahr die Oberhand gewinnen? Solange wir dieses Votingsystem haben wird diese Frage uns jedes Jahr im Vorfeld und auch in der Nachbetrachtung vor faszinierende Analysen und Auseinandersetzungen bringen.
Vor allem dann, wen das Szenario eintreten sollte, das wir dieses Jahr beinahe gehabt hätten: Wenn Jury und Publikum sich einmal sogar über den Sieger uneinig sein werden.

Durch die Einführung der Jury hat das Votingsystem also die Brisanz des Blockvotings abgelegt, dafür aber eine völlig neue gewonnen, die uns noch spannende ESC-Abende bescheren wird.

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~ von escgermany - 2. Juli 2010.

Eine Antwort to “Juryvote contra Televote – Analyse des Split Votes”

  1. „Durch die Einführung der Jury hat das Votingsystem also die Brisanz des Blockvotings abgelegt, dafür aber eine völlig neue gewonnen, die uns noch spannende ESC-Abende bescheren wird.“
    dies lässt sich woraus folgern? in 2009, nur aus diesem jahr sind die differenzierten tabellen ersichtlich, waren es doch die „jurys“, die wesentlich politischer und nachbarschaftsaffiner abstimmten als die mehrheit.

    ps: schön wäre auch eine betrachtung der semifinal-ergebnisse gewesen, die gezeigt hätten, dass israel und irland erst gar nicht ins finale hätten einziehen dürfen, wohl aber finnland oder schweden. und nur äußerst knapp gescheitert im „stärkeren gus-semi“ (allgemein wahrgenommene stimmung): holland.

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